Von: Magdalena Frauenberger & Markus Palzer-Khomenko
Groß und eindrucksvoll erstreckt sie sich im 10. Wiener Bezirk: die ehemalige Ankerbrotfabrik. In einer Halle, wo früher noch abertausende Semmeln von der Bäckerei Anker gelagert wurden, findet, wenn alles nach Plan läuft, heuer im Herbst die erste Bauphase zur Umnutzung statt. Allora Immobilien plant hier den sogenannten Zukunftsanker: ein Klimacampus und Kompetenzzentrum, an dem sich Akteure rund um Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft ansiedeln können.
Für KRAISBAU ist der Zukunftsanker somit der perfekte Ort, um ein Netzwerktreffen der anderen Art abzuhalten - nämlich dort, wo die zirkuläre Baubranche tatsächlich Gestalt annimmt. Ergänzt wurde das Programm durch unsere Konsortialpartner von BioBASE, die sich am Vormittag den Baustoffen zwischen Rohstoff und Bauwerk widmeten. Bei den Teilnehmenden war dann auch schnell das Interesse und teils sogar die Begeisterung für die ungewöhnliche Location zu spüren.
Noch kann man in der Fabrikhalle gut die zugrundeliegende Eisenbeton-Konstruktion erkennen. Das Design ist unter anderem den damals hohen Preisen und knappen Verfügbarkeiten geschuldet und soll Material und Kosten sparen. Die verwendeten Techniken sind somit auch eine Inspiration in der aktuell stattfindenden Bauwende.
In etwa fünf bis zehn Jahren soll an die Stelle der alten, leerstehenden Anker-Fabrik nun ein lebendiges, zirkulär gedachtes Gelände mit vielen Grünflächen treten. Der Zukunftsanker wäre damit ein weiteres, spannendes Beispiel für die Umnutzung von Bestandsgebäuden. Mit Umnutzung ist die Anpassung eines bestehenden Gebäudes an eine neue Nutzung gemeint und gilt dabei als besonders wirksamer Hebel auf dem Weg zu einem nachhaltigen Bausektor.
Dass in Sachen Umnutzung die Wahl der Baustoffe eine wichtige Rolle spielt, betonte auch Claudia Dankl von der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie. Sie erklärte, dass gerade Stahlbetonbauten wie die Urania oder die Postsparkasse mehr als 100 Jahre halten können. Solche Bestandsgebäude eignen sich daher oft gut für die Umnutzungen, solange die Tragstruktur intakt ist und der bauliche Zustand dies zulässt. Wo zusätzliche Bauteile erforderlich sind, nennt Dankl zudem den Re-Use Ansatz als „Königsdisziplin“. Dabei werden ganze Elemente wie Fenster, Treppen oder Fliesen wiederverwendet.
Dort, wo Gebäude dennoch neu errichtet werden, ist es ratsam, eine spätere Umnutzung mitzudenken. Theresia Reiter von Alpenland, einer gemeinnützigen Baugenossenschaft, betonte beim Netzwerktreffen, wie wichtig es ist, Gebäude Schicht für Schicht zu bauen. Damit greift sie einen zentralen Gedanken des sogenannten Schichtmodells nach Stewart Brand auf. Dieser Ansatz rät, dass Gebäude von Anfang an so geplant werden, dass einzelne Bauteile später leicht voneinander getrennt und einzeln ausgetauscht werden können.
Die Umnutzung von Gebäuden wird nicht nur ökologisch, sondern zunehmend auch ökonomisch attraktiver. Durch CO2-Bepreisungssysteme wie den europäischen Emissionshandel werden emissionsintensive Bauweisen schrittweise teurer. Die Details dazu erklärte am Nachmittag Bernhard Winkelbauer von der tpa Steuerberatung ausführlich. Allerdings besteht nach wie vor Verbesserungspotential. Christina Böckl von renowave wies darauf hin, dass es zwar Förderungen im Bereich des zirkulären Bauens gibt. Diese sind jedoch meist indirekt über verschiedene Programme verteilt. In Österreich gibt es derzeit keine spezifische Förderung, die ausschließlich auf die Umnutzung von Gebäuden ausgerichtet ist.
Ein weiterer Faktor sind die Entwicklungen und Fortschritte rund um AI. Mithilfe von Laserscans kann eine 3D-Punktwolke, also eine 3D-Landkarte des bestehenden Gebäudes, erstellt werden. Künstliche Intelligenz kann anhand dieser Daten automatisch erkennen, welche Bauteile und Strukturen in dem Gebäude vorhanden sind, beispielsweise wo Feuerlöscher stehen oder wo es bereits Wasseranschlüsse gibt.
An bestehenden Gebäuden mangelt es in Österreich jedenfalls nicht - laut Statistik Austria sind es allein in Österreich rund 2,4 Millionen. Das Potential hierzulande ist somit gerade auch für die heimische Bauwirtschaft hoch. Die Umnutzung bestehender Gebäude senkt dabei nicht nur den ökologischen Fußabdruck, sondern entwickelt auch den Charakter von Bauten, gewachsenen Orten und Städten weiter - ohne den historischen Bezug zu verlieren. Die Ankerbrotfabrik ist ein Beispiel dafür, wie ein Stadtteil schrittweise zu einem neuen Quartier mit neuem Nutzen entwickelt werden kann und wie alte Industriebauten Teil eines neuen Lebensgefühls werden können.